The Family of Man Clervaux
© Romain Girtgen

Transforming Experiences Edward Steichens „The Family of Man"

11 Minuten

Ich, Mensch
Reiseziel(e): Éislek

Es packt mich kurz hinter dem Eingang. Ein Sternenwirbel im schwarzen Universum, dann der Bauch einer Schwangeren, halb im Schatten, halb im Licht. Keimzelle des Lebens. In Schwarz-Weiß. Doch die Farben, sie entstehen im Kopf und im Herzen. Genau wie die Gefühle. Das hier ist groß.

„The Family of Man“ – eine persönliche Begegnung.

Die Menschen, die mit mir im Raum sind, scheinen ganz weit weg zu sein. Welche sind ihre Gedanken? Wo sehen sie sich in dieser Ausstellung?
 

The Family of Man Clervaux
© Romain Girtgen

Jeder von uns war einmal Sternenstaub und wird es wieder sein. Jeder hat als Zellhaufen im Bauch seiner Mutter pulsiert, bevor er sich entwickelte und als Mensch auf die Erde geschleudert wurde. Ins Leben, das bunt ist und grau, laut und leise, schön und schrecklich. Willkommen in der „Family of Man“. Ich muss mich kurz von den anderen Besuchern der Ausstellung wegdrehen. Denn mir steigen Tränen in die Augen.

Ein Besuch in der Austellung „The Family of Man“ ist eine sehr intensive Erfahrung. Perfekt inszeniert, kunstvoll beleuchtet, ein unaufdringliches und wie natürlich gewachsenes Gesamtkunstwerk. Bei jedem Besuch lassen sich neue Details entdecken.

Wie kann ein Porträt der Menschheit aussehen? Was sind die wichtigen Themen? Jedes Bild hängt in der Ausstellung offensichtlich genau an der Stelle, wo es hingehört, fast organisch mutet das an. Zu den Bildern gibt es Textstücke von Shakespeare, James Joyce, Thomas Paine und Lillian Smith. Sie stehen daneben, einfach so, ohne erklärende Unterschriften. „Deep inside, in a silent place where a child`s fears crouch“, dieses weiß auf schwarz gedruckte Zitat der Schriftstellerin Lillian Smith flankiert Bilder von Kindern, Mädchen und Jungen, die offensichtlich arm sind, die resigniert oder verzweifelt in die Kamera gucken, hinter Stacheldraht, vor trister Landschaft, aber auch mit ihren Müttern, deren Blick ebenfalls zeigt, dass das Leben hart ist. Drei Mädchen vor einem kleinen, einsamen Haus, das von einer wilden Wiese umgeben ist, halten sich an einem Viehzaun fest und blicken mich ernst an, die älteren zwei dunkelhaarig, die jüngste blond. Ich muss an meine Mädchen denken. Zwei große Brünette, eine kleine Blonde. Sie sind etwa im gleichen Alter wie die abgelichteten Mädchen, von denen ich nichts weiß. Nicht, was aus ihnen wurde, nicht, wie lange sie lebten. Und doch habe ich das Gefühl, mit ihnen verbunden zu sein. Einfach nur, weil ich sie gesehen habe.
 

Und so geht es weiter – durch die Ausstellung und durch den Kreis des Lebens. Kindheit mit und ohne Schulbildung, harte Arbeit, aber auch Feste und Geselligkeit, Liebe und Sexualität, Glaube, Kampf und Krieg – alle Facetten des Menschseins werden beleuchtet. Unabhängig von Rasse, Geschlecht und Stand brachte Steichen sie zusammen. Er wollte mit den Fotos eine gemeinsame Sprache finden.

The Family of Man Clervaux
© Romain Girtgen

Die Bilder stammen von berühmten Fotografen ihrer Zeit, aber auch von Amateuren. Steichens Freundin Dorothea Lange hatte ihm geholfen, die geeigneten zu finden. Aus Millionen Bildern wählten sie mit Mitarbeitern knapp über 500 Fotos aus 68 Ländern aus. Und Bürgerrechtsaktivistin Dorothy Norman trug aus der Weltliteratur und aus zeitgenössischen Dokumenten die begleitenden Textzitate zusammen.

Nachdem die Bilder im „MoMA“ in New York gezeigt worden waren, tourten sie als Wanderausstellung durch die ganze Welt. Steichen feierte Erfolge, wurde aber auch kritisiert, vielleicht gerade deshalb, weil den Massen die Ausstellung gefiel – damit kamen elitäre Kritiker nicht zurecht. In Clerf befindet sie sich nach ihrer jahrelangen Reise seit 1966, nun wohl für immer. Der in Bivingen geborene Steichen wollte, dass sie in seinem Geburtsland Luxemburg bleiben und gezeigt werden sollte.

The Family of Man Clervaux
© Romain Girtgen

 

 

 

 

Kindheit mit und ohne Schulbildung, harte Arbeit, aber auch Feste und Geselligkeit, Liebe und Sexualität, Glaube, Kampf und Krieg – alle Facetten des Menschseins werden beleuchtet.

 

 

Es ist eine Ausstellung, die in Erinnerung bleibt. Auch nach meinem Besuch schweifen meine Gedanken immer wieder ab zu den Bildern in Clerf. Zu dem alten Paar, das zusammen auf einer Schaukel in den Himmel fliegt und lacht. Und zu dem Baby, das sich an seine Mutter kuschelt. Denn es könnte jedes Baby sein. Auch meins.

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