Luxemburg-Stadt
© Thomas Linkel

Open and Diverse Vielsichtig, modern, kosmopolitisch

6 Minuten

Eine Stadt, die verbindet
Reiseziel(e): Luxemburg-Stadt

Skylines und Flusstäler, moderne Glasbauten auf historischen Fundamenten und jede Menge Grün: Luxemburgs Hauptstadt ist so vielseitig wie ihre Einwohner aus mehr als 100 Nationen. Ein Streifzug mit den Architekten Arnaud de Meyer und Nico Steinmetz durch UNESCO-Weltkulturerbe und zukunftsweisende urbane Welten.

Wie eine von Mensch und Natur gemeinsam entworfene Zeichnung erscheint sie dem Betrachter hier: unten das geschwungene Flusstal der Alzette, darüber die historischen Kasematten und die alte Abtei, auf dem Plateau in der Ferne moderne Gebäude. Dazwischen als kräftige Farbtupfer die sattgrünen Blätter der Bäume. Sie, das ist Luxemburg. „Eine Stadt auf vielen Ebenen“, wie Architekt Nico Steinmetz seine Heimat gerne nennt. Hier, das ist die Aussicht aus dem Park „Dräi Eechelen“. Und die lässt bereits erahnen, wie vielschichtig die Hauptstadt ist – topographisch, architektonisch, kosmopolitisch. An diesem Samstag durchstreifen Nico Steinmetz und sein Kollege Arnaud de Meyer ihre Stadt mit den Fahrrädern.

 Philharmonie Luxemburg-Stadt
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Die Führung beginnt auf dem Kirchberg-Plateau. Moderne Glas- und Stahlbauten prägen das Büro- und Finanzquartier. An der Place de l’Europe sticht ganz in Weiß die linsenförmige Philharmonie hervor, mit ihrer Fassade aus 823 Säulen. Nachmittags drehen hier Skater ihre Runden. Nur zwei Minuten entfernt steht das Kunstmuseum Mudam. Der helle Bau aus Glas, Stahl und Stein mit strengen geometrischen Formen wurde auf dem Fundament einer ehemaligen Festung errichtet.

Über einen steilen Waldpfad geht es hinab nach Pfaffenthal. Arnaud und Nico kommen gerne in das ehemalige Arbeiterviertel im Tal der Alzette. Das habe sich in jüngster Zeit stark verändert, weg vom „nicht so guten, etwas abseits gelegenen Quartier“, hin zu einer beliebten Adresse in der Stadt, sagt Nico. Vögel zwitschern. Auf dem Spielplatz um die Ecke toben Kinder. Auf halbem Weg zwischen Eisenbahnviadukt und der Alzette zeigt Nico auf das „Oekozenter Pafendall“ mit dem Sitz der Umweltorganisation „Mouvement Écologique“. „Ein Pilotprojekt in Luxemburg“, erklärt Nico, der das Zentrum geplant hat.

Oekozenter Pafendall Luxemburg-Stadt
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Das helle Holzgebäude des „Oekozenter Pafendall“ sieht wie vier aufeinander gelegte Quader aus. Es ist ein Musterbeispiel für ein modernes Passivhaus mit einer optimalen CO2-Bilanz. Auch an die Fledermäuse wurde dabei gedacht. Für sie gibt es in der Fassade einen geschützten Nistkasten.

Panorama-Lift: Bühne für das Leben

Luxemburg kennenlernen, das heiße auch, sich in den vielen kleinen, mit Kopfstein gepflasterten Straßen, die die Stadt durchziehen, zu verlieren, meint Arnaud. 

Schlenker machen, etwa zur „Muerbelsmillen“ auf der anderen Seite der Alzette, der letzten noch erhaltenen und funktionstüchtigen Wassermühle im Pfaffenthal. Ein senffarbenes Schild mit der Aufschrift „Moutarderie Hartmann“ deutet auf die einstige Nutzung hin: Hier wurde Senf hergestellt.
 

„Architektur beeinflusst den Alltag der Menschen. Wir wollen mit ihrer Hilfe die Lebensqualität aller verbessern“, sagt Arnaud und blickt nach oben auf den Panorama-Aufzug Pfaffenthal, der sich gerade in Bewegung setzt. Seit 2016 transportiert der von Nico und Arnaud entworfene Lift Passagiere in etwa 30 Sekunden vom Alzette-Tal in das obere Stadtzentrum. Während der Fahrt in der Glaskabine wechselt stetig die Perspektive. Die historischen Häuser im Pfaffenthal werden zunehmend kleiner. Der Wald am Hang des Plateaus gerät in den Blick. Nach und nach schieben sich die Türme der Skyline auf dem Kirchberg in den Horizont. Bei der Ankunft ganz oben taucht die „Rout Bréck“ auf, die markante rote Stahlbrücke, die das Pfaffenthal auf 355 Metern Länge überspannt.

Aus Nicos Sicht ist der Lift eine Bühne für das Leben in der Stadt. „Die Menschen im Aufzug schauen über das Tal, sehen vielleicht jemanden auf der Terrasse sitzen oder sich aus dem Fenster lehnen und umgekehrt. Man begegnet sich nur mit Blicken und fühlt sich dennoch miteinander verbunden.“ Ein Aufzug als Aushängeschild und Bezugspunkt für ein ganzes Viertel und seine Besucher.

Rue du Nord: farbige Fassaden, bunte Cafés, UNESCO-Spirit

Ortswechsel. Bunte Tische reihen sich an den Rändern der Seitenstraße aneinander. An ihnen sitzen junge Menschen mit Latte macchiato oder Holunderlimonade in der Hand. Man unterhält sich, tauscht sich auch über die enge Straße hinweg aus. Andere flanieren über das Kopfsteinpflaster, zeigen auf die gelben, grünen, lavendelfarbenen Fassaden, nicken den Cafégästen auf dem bunten Mobiliar zu. Die Rue du Nord in der Altstadt – die Renovierung der historischen Fassaden hier war eines der ersten gemeinsamen Projekte von Arnaud und Nico – ist noch so eine urbane Bühne.

„Wir haben alle eine unterschiedliche Herkunft“, sagt Nico. Etwa 70 Prozent der Einwohner von Luxemburg-Stadt haben keinen luxemburgischen Pass, hinzu kommen täglich über 180.000 Pendler aus den Nachbarländern. „Doch wir alle treffen uns in den Cafés und auf den öffentlichen Plätzen der Altstadt. Diese Orte vereinen uns in unseren Unterschieden, und das macht die Stimmung dieser Stadt aus. Für mich ist Luxemburg ein Global Village.“ Zusätzlich zu den in der Stadt allgegenwärtigen historischen Bauten entspricht dieses multikulturelle Miteinander absolut den ideellen Werten der UNESCO.

Rue du Nord Luxemburg-Stadt
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Petruss-Tal: ein Garten mitten in der Stadt

Vorbei am quaderförmigen Nationalmuseum für Geschichte und Kunst sausen die beiden Architekten auf ihren Rädern eine schmale, steile Gasse hinunter in Richtung Petruss. Hier im Tal zwischen Oberstadt und Plateau Bourbon zeigt sich Luxemburg von seiner grünen Seite. Friedlich bahnt sich der Nebenfluss der Alzette seinen Weg durch das Tal. Die Ruinen der Festungen und Bastionen in den Steilhängen säumen die weiten Grünflächen der Parks. Nach wenigen Momenten ist vom quirligen Treiben der Stadt nichts mehr zu spüren. Aber das macht ja die Lebensqualität Luxemburgs gerade aus – dass man so schnell und lässig die Ebenen und die Welten wechseln kann. Mit dem Lift oder eben auch mit dem Fahrrad.

Urban Sketching

Arnaud de Meyer sitzt vor dem Zaun, der das Gelände des Kulturzentrums „Rotondes“ von den Eisenbahnschienen am Bahnhof trennt, auf einer niedrigen Mauer. Auf seinen Knien ein kleines Skizzenbuch. Mit ruhiger Hand und einem wasserfesten, schwarzen 0,5 Millimeter-Fineliner zeichnet Arnaud filigrane Striche. Das alte Portal, durch das früher die Lokomotiven fuhren, ist schnell festgehalten, Detail um Detail gesellt sich dazu, die Lampe am Giebel, die Mauern drum herum, Bierbänke, geschlossene Sonnenschirme, die Fassaden der anderen Gebäude, ein kleiner Vogelschwarm, wilder Wein an einer Wand. In nur 30 Minuten hat er die ganze Szenerie auf Papier gebannt. Noch ein kritischer Blick über die Brille, dann kann er zufrieden seine Signatur auf das Blatt im Skizzenbuch setzen, dazu das Datum und mit wem er gezeichnet hat. Urban Sketching heißt das. Es ist Arnauds Art, die Stadt zu entdecken. „Zeichnen ist vor allem eins: genau hinsehen“, sagt er.

„Luxemburg ist aus sich heraus schön mit dem vielen Grün, all den Aussichtspunkten – von unten nach oben und umgekehrt –, den Gebäuden aus unterschiedlichen Epochen“, schwärmt der gebürtige Belgier. Auch noch nach 25 Jahren Leben und Arbeiten in der Hauptstadt ist er von dieser besonderen Stimmung begeistert. Und die möchte er auch künstlerisch mit so vielen Menschen wie möglich teilen. „Beim Urban Sketching zeichnet man im öffentlichen Raum, ob alleine oder als Gruppe“, erklärt er. „Und auf einmal sehen die Leute, die vorbeigehen und das Zeichnen beobachten, diesen Raum auch mit anderen Augen. Sie blicken genauer hin, setzen sich mit Gebäuden und Kompositionen auseinander, stellen Fragen“, stellt der Architekt immer wieder fest.

Urban Sketching Luxemburg-Stadt
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Die Stadt anders wahrnehmen

Eine Stadt in Bildern

Die Rückseite des Mudam mit dem „Musée Dräi Eechelen“ und dem Park ist längst ein beliebter Treffpunkt: zum abendlichen Entspannen, zum Picknick mit Freunden. „In der Stadt leben die unterschiedlichsten Kulturen miteinander. Und alle können in dieser Umgebung neue Leute kennenlernen, in der Natur sein, wunderbare Aussichten genießen“, sagt Arnaud.

Luxemburg pflegt sein kulturelles Erbe und ist dennoch eine zukunftsgewandte Stadt, davon sind beide Architekten überzeugt. Und das soll jeder sehen können. Vor fünf Jahren haben Arnaud und Nico den im Licht flimmernden Verbindungsgang aus Glas und Stahl zwischen Rathaus und „Bierger-Center“ entworfen. Ein Stück „ultramoderne“ Architektur auf dem historischen Platz Guillaume II mitten im Zentrum.

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