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Open and Diverse Die Geschichtensammlerin

5 Minuten

Die Stadt, ihre Bühne

Für Theaterregisseurin Anne Simon ist alles eine Bühne. Drinnen wie draußen: überall Spieler. Überall Requisiten. Die Ideen für ihre Inszenierungen, sie sind immer nur einen Geistesblitz entfernt. Bei Spaziergängen durch ihre Stadt Luxemburg lässt sie sich inspirieren.

Wir treffen Anne Simon vor der Kneipe „Interview“ zum, logisch, Interview. Wir wollen sie kennenlernen und mit ihr die Stadt (neu) sehen. Vor der Kneipe stehen Bistrotische. Auf einem der Stühle: die Künstlerin. Sie sitzt vornübergebeugt. Eine Zigarette glimmt zwischen ihren Fingern vor sich hin. Die schlanken Beine sind übereinandergeschlagen. Sie fixiert etwas in der Ferne. Die Haltung, als wolle sie, wie ein Habicht, gleich losschlagen. In wenigen Sekunden das Objekt der Begierde aufspießen. Volle Konzentration. Aber auf was? Sie ist definitiv nicht auf der Suche nach Nahrung, wie der Raubvogel es wäre. Braucht sie nicht. Ein dampfender Cappuccino steht direkt vor ihr. Mit Keks. Nein, sie spürt etwas anderes auf. Sie ist auf der Suche nach Situationen, Menschen, Handlungen, Kunstobjekten und Alltagsobjekten, die sie interessieren und inspirieren. Sie saugt auf und sie atmet Ideen aus.

Rätselhafte Pfade

Es macht Spaß, ihr beim Reden zuzu­hören. Und zuzusehen! Wie engagiert sie erzählt. Mit leuchtenden Augen. Die Hände tanzen. Der Kleidungsstil ist eine theatertypische Mix-Kombi aus gestreiftem Hosenanzug mit styli­scher lila-rosa Drei-Streifen-Jogging­jacke. 50er-Jahre-Sonnenbrille auf dem blonden Haar. Modebewusstsein gepaart mit Understatement. Ein pinkes Notizbuch liegt vor ihr auf dem Tisch. Es ist wohl immer dabei. Ideen könnten vorbeifliegen. Fang sie ein!

„Sticker!“ Sie schreit es fast vor Ver­gnügen, „Sticker, die an Laternen und auf Verteilerkästen kleben. Geil! Die könnte ich stundenlang ausfindig machen. Wer hat jetzt genau dieses Motiv dahin geklebt? Und wieso? Was war das für ein Mensch? Ich denke mir dann aus, wie jemand sein muss, der zu einem bestimmten Sti­cker-Motiv passt. What’s the story? Und dann gehe ich auf die Suche. Der nächste Aufkleber mit gleichem Motiv ist oft nicht weit. So führt mich ein Unbekannter auf einem rät­selhaften Pfad durch die Stadt.“ 

Auf ihren Schnitzeljagden durch die Stadt hält sie die Augen offen. Was ihr auffällt: Der öffentliche Raum bietet so viel. Und wird so wenig genutzt. Zumal in der Stadt. Die Menschen schlafen in Kästen, setzen sich in einen Kasten, um zu einem anderen Kasten hier in der Stadt zu kommen um dort zu arbeiten. Dann wieder in den kleinen Kasten, um zu dem Kasten vom Anfang zu kommen. Dort sitzen sie dann – zu­gegeben – im Garten und begegnen … niemand Fremdem jedenfalls.

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Das ist Annes Sache nicht. Sie muss raus. In der Stadt raus. In die Parks und auf die Spielplätze. Viele Sprachen hört man hier. Hier sind die, die wenig haben. Keine eigenen Gärten. Dafür viele Freunde. Was für ein babylonisches Stimmengewirr. Hier wird gelebt, gelacht, geliebt. Gegrillt, gestritten, sich versöhnt. Dazwischen Anne Simon, die Geschichtensammlerin. Gerne kommt sie mit ihrem kleinen Sohn. Und der kommt ab und zu gerne im Tutu. Hier freut man sich darüber. Einfach da sein. Tanzen zwischen den Bäumen. Und dann wieder Baggerführer sein. 

„We don’t stop playing because we grow old – we grow old because we stop playing.“ Der Spruch von George Bernard Shaw steht als Wahlspruch auf ihrer Website. Sie mag Menschen, die etwas wagen, die experimentieren. Die die Dinge auf spielerische Weise angehen. Wie zum Beispiel die drei Jungs der Brauerei Satori. Davide, Joseph und Mathias haben gerade erst eine kleine Braue­rei gegründet, da wagen sie schon den nächsten Schritt: Sie haben den Zuschlag der Stadt Luxemburg be­kommen und dürfen nun im ehema­ligen Bus-Häuschen „Charly’s Gare“ für ein paar Monate eine Pop-up-Bar betreiben. Die jungen Männer, Architektur- und Wirtschaftsstuden­ten, sind auf Zack, wuchten Gas­flaschen aus der originellen Ape, die ihr Transportfahrzeug ist, und tragen sie in die Kiosk-artige kleine gläserne Kneipe. Neben dem hauseigenen Bier gibt es hier lokale Weine. Die Speise­karte ist inspiriert von der Barkultur Barcelonas oder auch von Paris.

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Theaterluft

„Gehen wir ins Theater!“ Nicht in eine Vorstellung. Nein. In den Bühnenraum, in eine Arbeitssituation. Wir betreten das kleine Théâtre des Capucins, das Kapuzinertheater. Die Lichttechniker sind dabei, für eine neue Inszenierung die Beleuchtung einzurichten und zu programmieren. Heilige Stille. Ein Bühnenraum ist etwas Besonderes. Keinerlei Geräusche der Stadt dringen hier hinein. Kein Tageslicht. Es ist ausgesprochen ruhig. Angenehm. Wieder draußen, sind wir überfordert von der plötzlichen Lautstärke der Stadt. Es war eine andere Welt, da drinnen. Vor dem Kapuzinertheater stehen Fahnenmasten. Kinder johlen vergnügt und klettern an den Eisenstangen. Sie bemerken gar nicht, wie viele Sticker auf denen kleben.

Am Abend treffen wir Anne Simon wieder. Wir sind auf der Corniche verabredet. Die Corniche ist ein Weg, der auf den hohen Wällen oberhalb des Alzette-Tals verläuft, und wird auch „der schönste Balkon Europas“ genannt. In der Dunkelheit scheint das Tal im Grund noch weiter weg zu sein als sonst. Die alten Handwerkerhäuser mit ihren erleuchteten Fenstern sehen wie ein Spielzeugdorf aus. In der Ferne leuchten die Hochhäuser auf dem Kirchberg.

Im Biergarten „De Gudde Weather“ hat man einen tollen Blick auf die Lichter der Stadt und auf das gemischte Publikum. Es treffen sich Banker und Musiker. Menschen im Anzug sitzen neben Künstlern. Auch Tische und Stühle sind ein wilder Mix, als wolle man andeuten: „Alle sind willkommen. Wir haben für jeden die passende Sitzgelegenheit.“ Nachdem wir Cocktails probiert haben (sie sind gut!), wollen wir noch etwas durch die Innenstadt wandeln. Uns treiben lassen. Den Zeichen folgen. Anne Simons Hund trottet treu an ihrer Seite. Manchmal darf er entscheiden, wo es lang geht. Wir geraten in eine Gasse, die von Lampions beleuchtet wird. „Das erinnert mich an die Lampionnacht in Wiltz“, schwärmt die Regisseurin, „das ist ein zauberhaftes Festival. Die ganze Stadt ist da geschmückt mit großen, aber filigranen Papierkunstwerken, die nachts beleuchtet werden und so die Stadt verzaubern.“

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Inseln in der Stadt

Urban Outdoor. Draußen sein – in der Stadt. Durch Städte wandern. Dabei aber immer wieder Inseln aufsuchen, um zur Ruhe zu kommen. Einen Hügel im Bankenviertel Kirchberg, die Skulptur von Bert Theis, die im Innenstadt-Park Edith Klein wie ein Jägerstand zum Hochklettern einlädt, das Schloss auf ihrem Lieblings-Spielplatz im Park Belair nahe ihrem Zuhause. Ein Blick auf die Alte Festung, die unerwartet in dem Park auftaucht. Alles Inseln in der Stadt.

Wir spüren die laue Sommernachtluft. In der Ferne Stimmen. Vereinzeltes Lachen. Gemurmel. Was wird da gespielt, von dem wir nichts wissen? Das Gemurmel wird lauter, und als wir um eine Ecke biegen, sehen wir Charlie Chaplin auf der Freiluft-Kinoleinwand direkt vor dem großherzoglichen Palast.

Eine Sommernacht in der Hauptstadt. Wir sind ohne Ziel und Plan losgelaufen. Und doch angekommen.

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Öffentliche Parks

Umsonst und draußen in der Stadt

5 Treffer
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    Park Kinnekswiss
    Der Park Kinnekswiss ist eine Oase mitten in der Stadt.
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