Transforming ExperiencesMINETT TOUR

Auf den Spuren
von Schweiß
und Stahl

Vom dampfenden Zug über imposante Hochöfen bis hin zu düsteren Bergarbeiter-Minen: Auf der „Minett-Tour“ spürt man den Spirit der Stahl-Vergangenheit.

FOTOS RENATA LUSSO

Die Männer arbeiteten hart im „Land der Roten Erde“. Sie gruben Eisenerz aus, auf Luxemburgisch „Minett“, sie schlugen Gänge in den Fels, fuhren mit ratternden Bahnen ins Innere der Hügel und förderten auf Loren Gestein zu Tage. Das Eisenerz wurde gewaschen, gemischt, erhitzt, zu Stahl gemacht. Und Ruß, Schweiß, Kohle, Hitze, Stahl – das waren die Zutaten des wirtschaftlichen Erfolges im Süden Luxemburgs.

Denn Stahl aus Luxemburg wurde ab Mitte des 19. Jahrhunderts in die ganze Welt exportiert und ist heute noch in aller Herren Länder verbaut – ob in den Fundamenten des „One World Trade Center“ in New York oder im größten Wolkenkratzer der Welt in Dubai.

Vergangenheit und Zukunft

Seit 1997 sind die Hochöfen aus. Doch immer noch können Besucher auf  „Minett Tour“ in diese Welt eintauchen. Die kann man zum Beispiel in Esch-Belval starten. Dort, wo die Hochöfen qualmten, wächst mit der Universität ein neuer Hoffnungsträger des Erfolges. Moderne Gebäude beherbergen die Wissenschaften, es kommen immer weitere Fachgebiete hinzu – ob in der Medizin, den Geisteswissenschaften oder der Informatik. Doch zwischen den Uni-Elfenbeintürmen trotzen die Hochöfen immer noch der Gegenwart. Sie wurden aufwändig konserviert, sollen der Nachwelt erhalten bleiben. Und sie sorgen für eine ganz besondere Atmosphäre.

Besucher können im Rahmen von Führungen auf den „Hochofen A“ klettern und die Aussicht auf den Campus genießen. Bald soll zudem das Headquarter von „Esch 2022“ seinen Platz dort finden. Denn Esch wird 2022 Europäische Kulturhauptstadt.

Abenteuerliche Stationen

Esch-Belval ist ein Dorado für Architektur-Begeisterte und nur einer von fünf Schauplätzen der 35 Kilometer langen „Minett Tour“. Im ehemaligen großen Bergbaugebiet Fond-de-Gras etwa gibt es gleich mehrere Orte, an denen sich am Wochenende etwas erleben lässt. Ein Ausflug dorthin ist ein Trip in die Vergangenheit. Mit einem Dampfzug, dem „Train 1900“, können Groß und Klein von Petingen aus nach Fond-de-Gras fahren, mitten durch das „Land der Roten Erde“. Seit 1973 sorgen ehrenamtliche Helfer dafür, dass die Zuglinie lebendig bleibt. „Seit meiner Kindheit bin ich am Wochenende regelmäßig hier, früher mit meinem Vater. Ich liebe es, an Zügen herumzuschrauben“, sagt Romain Baumann. Der 36-Jährige ist Präsident der „Association des musées et tourisme ferroviaires“ und mal als Heizer, mal als Lokführer mit dem „Train 1900“ unterwegs. Zwar wurden früher Ladungen von Eisenerz aus der Umgebung nach Fond-de-Gras gebracht und nicht Menschen befördert. Aber so streng historisch muss man das nicht sehen.

Der kleine Krämerladen „Epicerie Victor Binck“, der früher eigentlich in Differdingen angesiedelt war, ist jetzt Teil des historischen Geländes. „Es ist einfach schön, die alten Produkte und den traditionellen Laden zu sehen“, sagt die 82-jährige Lori Gatti, als sie mit Freunden einen Abstecher nach Fond-de-Gras macht. „Mein Bruder hat früher in der Épicerie gearbeitet. Die Stahlindustrie hat uns geprägt“, sagt die Tochter italienischer Einwanderer, die dort wie viele italienische Einwanderer Zutaten für Polenta gekauft hat. Denn auch das ist „de Minett“: Menschen, die aus dem Süden Europas kamen, um hier zu arbeiten und eine neue Heimat zu finden.

„Wilde Frau“ und rumpelnde Loren

So wie in dem kleinen Dorf Lasauvage, das seinen Namen von einer „Wilden Frau“ hat, die in grauer Vorzeit dort gelebt haben soll. Sie hat die Menschen einerseits in Angst und Schrecken versetzt, andererseits soll sie wohl, je nach Version der Sage, auch Heilkundlerin gewesen sein.

Später, als die „Wilde Frau“ schon längst gestorben war, wohnten Arbeiter in Lasauvage, die exklusiv für den Industriellen Graf Fernand de Saintignon in dessen Minen tätig waren. Es entstanden Häuser, eine Schule, ein reges Gemeinschaftsleben. 1978 schloss die letzte Mine. Noch heute zeugt ein Umkleideraum mit Duschen und Haken an der Decke davon, wie sich hunderte Arbeiter nach ihrer Schicht Staub und Schmutz abgewaschen haben.

 Mit dem Auto, aber auch mit der „Minièresbunn“ kann man heute das verwunschene Örtchen Lasauvage erreichen. In den „Buggys“, den Loren, wurde früher das Eisenerz transportiert, heute fahren Besucher mit der Bahn in den dunklen Stollen. Nach einigen rumpelnden Metern in der Dunkelheit steigen sie aus, und dann dürfen sie selbst ein wenig Gestein von den Wänden schlagen. Wie haben sich die Arbeiter wohl in der ständigen Dunkelheit gefühlt? Das kann man selbst ausprobieren. Zumindest ein bisschen. Und dann schnell wieder ans Tageslicht. Dort, wo die Erde rot ist.

Weitere sehenswerte Stationen:

Museum der „Cockerill-Grube, Esch-sur-Alzette: Das restaurierte Zechengelände der Grube Katzenberg mit dem Museum der Cockerill Mine zeigt Werkzeuge und Maschinen der Bergleute, zahlreiche alte Fotografien vom anstrengenden Alltag, Transportmaterial und beim Erzabbau gefundene Fossilien. Eine Schmiede in Betrieb kann am Wochenende besucht werden.


„Nationales Bergbaumuseum, Rümelingen: Der Großteil der Sammlung ist in den unterirdischen Stollen der Grube an ehemaligen Einsatzorten zu sehen. Die traditionelle Besichtigungstour beginnt in einer kleinen Grubenbahn. Die Bahn überquert die Grubenhalde übertage und fährt durch den Langengrund-Stollen in das Bergwerk ein.


Naturreservat mit Orchideen-Schätzen: Das ehemalige Tagebaugebiet  „Prënzebierg - Giele Botter“ ist heute ein Naturschutzgebiet mit einer Größe von mehreren hundert Hektar. Ein Entdeckungspfad führt durch das Gelände, in dem sich - seitdem der Minette-Abbau eingestellt wurde - neuartige Lebensräume entwickeln. Hier finden sich z.B. seltene Orchideenarten. Auf dem nahen Titelberg haben die Kelten im ersten Jahrhundert v. Chr. ein wichtiges Opidum errichtet, das bei Ausgrabungen zum Vorschein kam.


Essen wie die Bergarbeiter: Im Restaurant „Bei der Giedel“ in Fond-de-Gras gibt es traditionelle und herzhafte Küche. Das frühere Minenarbeiter-Café im rustikalen Stil serviert Fondue, Raclette, Gemüsetorten und andere Spezialitäten. Auch auf der Terrasse kann man gut sitzen und die Umgebung auf sich wirken lassen.


Steam Punk Convention: Einmal im Jahr, im Frühherbst, wird Fond-de-Gras Schauplatz einer spektakulären „Steam Punk-Convention“. Es strömen Fans durchgeknallt-altmodischer Kleidung im Techno-Retro-Look dorthin. Es gibt Straßenunterhaltung, Konzerte, einen viktorianischen Markt, Ausstellung von Steampunk-Kreationen, historische Dampfzüge und vieles mehr zu entdecken.


Alle Infos zur „Minett Tour“ gibt es unter www.minetttour.lu

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